Sonntag, 11. November 2012

Vielleicht lieber morgen [2012]



Wäre "Vielleicht lieber morgen" ein ganz gewöhnlicher Coming-of-Age-Film, in dem ein Außenseiter seine große Liebe findet und sich den ganzen Film nicht traut, sie nach einem Date zu fragen, würde ich diesen Film wohl kaum zu meinen Überraschungsfilmen des Kinojahres 2012 zählen. 
Coming-of-Age-Filme sind für mich immer ein sehr spannendes Thema, weil es mich interessiert, wie Filmemacher die Probleme und Hindernisse des Erwachsenwerdens schildern und die Gefühle der jugendlichen Hauptfiguren beschreiben. Jeder von uns musste diese Zeit durchmachen und es gibt wohl niemanden, bei dem die Pubertät ohne Probleme über die Bühne ging. Man ist auf der Suche nach seinem Selbst, wie man sich präsentiert und was man aus seinem Leben machen möchte.

Auch Charlie, die Hauptfigur, hat diese Probleme - zudem ist er sehr depressiv veranlagt. Er ist nach dem Selbstmord seines besten und einzigen Freundes einsam und nimmt sich zum ersten Schultag vor, neue Freunde zu finden. Dies gestaltet sich sich jedoch schwieriger als gedacht, weil er als Außenseiter gilt und sich nur mit seinem Englischlehrer anfreunden kann. Bei einem Footballspiel trifft er jedoch auf Patrick, der mit ihm gemeinsam einen Kurs besucht. Durch ihn lernt er auch dessen Stiefschwester Sam kennen, in die er sich auf den ersten Blick verliebt. Von nun an verbringen die drei viel Zeit miteinander, gehen auf Parties und hören alternative Musik. 
Jeder der drei hat ein eigenes Päckchen zu tragen: Sam wurde früher von älteren Jungs abgefüllt und ausgenutzt; Patrick ist homosexuell und hat eine Beziehung mit einem der beliebten Jungs der Schule, dessen Vater zu ihrem Leidwesen homophob ist; und was mit Charlie wirklich los ist wird erst gegen Ende des Filmes bekannt. Es stellt sich heraus, dass ihn seine Tante jahrelang sexuell missbraucht hatte. Als Patrick und Sam aufs College gehen und Charlie nun wieder alleine ist, kommen all diese Erinnerungen wieder hoch und er erleidet einen Nervenzusammenbruch.

Für mich war diese Offenbarung ein richtiger Schock, denn den ganzen Film lang gibt es so gut wie keine Hinweise dafür. Man denkt sich, dieser Junge ist introvertiert und hat den Selbstmord seines Freundes nicht verdaut, doch scheinbar hat er viel größere Probleme, denn seine Eltern reden davon, dass er davor an Halluzinationen litt. Verständlich, wenn man das Ende im Zusammenhang mit seiner Tante kennt.

Aber man darf jetzt nicht denken, dass "Vielleicht lieber morgen" von all diesen Problemen erdrückt wird. Nein, im Gegenteil, der Großteil des Films ist sogar sehr lebensbejahend und macht Spaß, etwa wenn die drei zu David Bowies "Heroes" mit dem Auto eine Spritztour machen oder am Ball zu "Come on Eileen" abfeiern. Patrick ist ohnehin immer für einen Spruch oder Lacher gut, wobei dann die grässliche Szene in der Schulkantine, wo er wegen seiner Homosexualität verprügelt wird, umso tiefer sitzt. Aber gerade diese Szenen beweisen, wie lebensnah der Film doch ist, nimmt er sich doch den heiklen Themen Homosexualität, sexueller Missbrauch, Drogen und Selbstmord an.

Die Schauspieler überzeugen hierbei auf ganzer Linie, wobei man natürlich die Hauptpersonen besonders herausheben muss. Logan Lerman spielt den labilen Charlie so gefühlvoll und liebenswert, dass man ständig das Bedürfnis hat, ihn zu umarmen. Emma Watson passt perfekt in die Rolle der fröhlichen Sam, wobei ich hierbei die Tatsache, dass die beiden kein glückliches Liebespaar werden, ebenfalls sehr realitätsnah finde. Ezra Miller war als Patrick überragend, der Clown mit dem dunklen Geheimnis, das er perfekt zu überspielen weiß. Selten ist es einem Film gelungen, dass ich so sehr mit den fiktiven Figuren mitfühlen musste. Die typischen Probleme eines Jugendlichen eben. 
Letzte Bemerkung: Ich fand es schade, dass die Platte "Something" von den Beatles zwar oft ins Bild gerückt, aber nie gespielt wurde. Hab bis zum Abspann darauf gewartet!

Donnerstag, 8. November 2012

Skyfall [2012]



Die James-Bond-Reihe ist eine meiner größten Filmsünden, denn bislang hatte ich noch keinen einzigen Film dieser Reihe gesehen. Für manche mag es schlichtweg unglaublich klingen, weil sich die Bond-Filme international großer Beliebtheit erfreuen und wohl die umfangreichste Filmreihe ist - egal, denn ich hatte nie die Chance bzw. das Interesse, mir einen anzusehen. Besonders bei den neueren Filmen mit Daniel Craig war ich immer etwas skeptisch, da mich sein raues Äußeres abschreckte.
Aber als ich hörte, dass bei "Skyfall" Sam Mendes, der Regisseur des wunderbaren "American Beauty" auf dem Regiestuhl saß, stand natürlich fest, dass "Skyfall" mein erster Bondfilm sein würde. 

Kurzum: Der Film hat mich wirklich weggeblasen! Schon der Einstieg begann mit einer wilden Verfolgungsjagd durch Istanbul, eine Szene, die zwar etwas kürzer hätte sein können, aber trotzdem einen dramatischen Höhepunkt fand. Gleich darauf folgte das Intro, das den Titelsong "Skyfall" von Adele wunderbar verpackte und dem Zuschauer besser präsentierte, als es Fernseher und Radio je vermochten. Wie ein kleines Kind begann ich, dieses Intro aufzusaugen, jede kleine Szene in mein  Gedächtnis zu verankern. Hatte ich jemals ein so gutes Intro zu einem Film gesehen?

Auch danach wird der Film nicht schwächer, auch wenn sich jetzt ein paar Längen und überflüssige Szenen bzw. Personen einschleichen. Bis heute frage ich mich, was Sévérine in diesem Film verloren hat, was der Sinn hinter ihrer Figur ist. Sie ist die Kontaktperson zwischen Bond und Silva, aber sobald sie ihren Zweck erfüllt hat, stirbt sie und davor tut sie auch nichts anderes, als verführerisch auszusehen und eine Sexszene im Badezimmer auszufüllen. Vielleicht ist genau das der Zweck eines Bondgirls, schließlich ist dies mein erster Bond-Film, aber man hätte auch leicht ohne ihre Figur auskommen können. Auch ist die gesamte Szene in der Spielhölle in Macao ist reine Zeitverschwendung, in der James Bond und Sévérine ein Gespräch führen, das belangloser nicht hätte sein können.
Danach aber trifft man den Höhepunkt im Cast, nämlich auf Silva höchstpersönlich, der einen wunderbaren Einstieg hinlegt. Er präsentiert sich als leicht homosexuell angehauchter Psychopath, der es versteht, mit Bond zu spielen. Später folgt eine spannende Verfolgungsjagd durch die Londoner Metro, gefolgt von einem eher persönlichen Abschnitt, indem Bonds Vergangenheit ein bisschen beleuchtet wird. Wir lernen seine Heimat kennen, das Elternhaus in der kargen Landschaft Schottlands und mehr über den Tod seiner Eltern.

Kurz gefasst: Daniel Craig überzeugt als James Bond mehr, als ich gedacht hätte. In anderen Filmen bleibt er gleichbleibend unsympathisch, als Bond ist er einfach nur cool. Ein Bond mit Schwächen und Macken wird uns hier präsentiert, kein aalglatter Held ohne Fehler. Javier Bardem fährt als Silva zu Höchstleistungen auf, alleine durch seine Mimik und seine verrückte Art hat er sich ein weiteres Mal in mein Herz gespielt. Und Judi Dench als M ist sowieso gut, aber das wusste ich ja bereits vorher.

Nachtrag: Nach einer erneuten Sichtung in einem englischen Kino, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass "Skyfall" beim zweiten Mal leider nicht mehr so gut funktioniert, aber das sehe wahrscheinlich nur ich so. Meine Schwester beispielsweise fand ihn beim zweiten Mal besser, da man sich nun auf Nebensächlichkeiten konzentrieren konnte. Ich jedenfalls war bei dem Gedanken gelangweilt, schon zu wissen, was als nächstes kommt und erfreute mich an den Reaktionen der anderen Zuschauer. Auf Englisch wirklich um Welten besser, Craig und Dench sind zwar aufgrund ihres Murmelns oder dem starken Akzent schwierig zu verstehen, aber nichts geht über Bardems charismatischer Stimme!
9 / 10 Punkte

Mittwoch, 31. Oktober 2012

Catch me if you can [2002]

CATCH ME IF YOU CAN


"Catch me if you can" ist ein klassisches Katz-und-Maus-Spiel, das zwar nicht unbedingt mit Spannung oder actiongeladenen Verfolgungsjagden glänzt, sondern seine Vorteile viel mehr mit seinen herausragenden Darstellern ausspielen kann. 
Im Mittelpunkt steht der real existierende Frank Abagnale Jr., der nach der Scheidung seiner Eltern von zuhause ausreißt und von nun an mit gefälschten Gehaltsschecks einer Fluggesellschaft seinen Unterhalt bestreitet. Unter anderem schafft er es, Diplome zu erhalten, die ihn als Harvard-Absolvent auszeichnen, obwohl er sich das Basiswissen aus diversen Krankenhaussendungen geklaut hat und überhaupt kein Blut sehen kann. Aber durch seine selbstbewusste und charismatische Art schafft er es, dass er als Respektperson behandelt wird und sein Schwindel nicht auffliegt. Dieses Leben hätte ewig so weitergehen können, hätte sich nicht früher oder später der FBI-Ermittler Carl Hanratty an seine Fersen geheftet. Dieser hat es sich zu seinem persönlichen Ziel gemacht, Frank zu schanppen und für die Schäden in Milliardenhöhe, die er durch seine Betrügereien verursacht hat, schmoren zu lassen. 
 
Die beiden haben dafür, dass Carl Frank einsperren will, ziemlich oft Kontakt, etwa ruft Frank seinen Verfolger wegen Einsamkeit an Weihnachten an und plaudert ein bisschen mit ihm. Zu keinem Zeitpunkt hat man das Gefühl, dass von Frank eine Gefahr ausgeht, da er immer als ein Mensch dargestellt wird, dem das Elternhaus genommen wurde und diesen Verlust mit materiellen Dingen zu kompensieren versucht.

Ich kann es nicht beschreiben, was mir an "Catch me if you can" so gut gefallen hat. Vielleicht ist es die ungezwungene Inszenierung von Steven Spielberg, die hier erfrischend gewöhnlich ist, ohne Absichten für einen weiteren Blockbuster. Vor allem liegt es aber wohl an den Hauptdarstellern Leonardo DiCaprio als Frank und Tom Hanks als Carl, die ihre Figuren äußerst sympathisch verkörpern, sodass ob des niedrigen Spannungsbogens nie Langeweile aufkommt, im Gegenteil sogar. Vielleicht ist er sogar wegen der unaufgeregten Machart einer von Spielbergs besten Werken.
 
9 / 10 Punkte

Freitag, 26. Oktober 2012

Der englische Patient [1996]

THE ENGLISH PATIENT


Dass "Der englische Patient" bei der Oscarverleihung 1997 sage und schreibe neun Oscars abräumen konnte, grenzt, nachdem man den Film gesehen hat, an ein Wunder. Bei neun Oscars stellt man sich doch etwas Besonderes vor, schließlich gilt der Oscar als einer der begehrtesten Trophäen im Filmgeschäft und dafür nominiert und ausgezeichnet zu werden ist eine Ehre... zumindest war das einmal.

1997 leistete sich die Academy einen Patzer, indem sie dieses Filmdrama in so vielen Kategorien auszeichnete, obwohl der Film an sich nichts Besonderes, sondern allenfalls nett ist. Es handelt sich hierbei lose um die Verfilmung eines Romans, der sich mit dem real existierenden Graf Lászlo Almásy (Ralph Fiennes) beschäftigt. Es fängt mit dem Flugzeugabsturz über Afrika an, wo er schwere Verbrennungen erleidet und später von der kanadischen Krankenschwester Hana (Juliette Binoche) gepflegt wird, obwohl beide wissen, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Anscheinend kann er sich an nichts erinnern, wird aber für einen Deutschen gehalten, im Jahre 1944 nicht gerade optimal. Die beiden bleiben in einem Kloster zurück, wo Hana ihn pflegt und in Rückblenden immer wieder die eigentliche Geschichte erzählt wird: Der Liebegeschichte zwischen Lászlo und Katharine Clifton, der Frau eines Kollegen.

Und ja, eigentlich ist ansonsten nichts Besonderes zu erzählen. Die Liebegeschichte ist sehr gut und hat viele emotionale Momente aufzuweisen, was aber den Film aufgrund seiner drögen Erzählweise nicht retten kann. Und eine langsame und langweilige Erzählweise kann bei einer Laufzeit von 180 Minuten dazu führen, dass man öfters auf die Uhr blickt und hofft, der Film möge doch bald vorüber sein.

Schade, er ist zwar keine Enttäuschung, aber eben auch nicht das, was man sich unter einem mit neun Oscars ausgezeichneten Film vorstellt. Die Academy ist halt auch nicht mehr das, was sie einmal war. Aufgrund der herzergreifenden Liebesgeschichte, der tollen Leistung von Ralph Fiennes und der sympatischen Juliette Binoche sollte man diesen Film nicht als Totalausfall betrachten.
 
5 / 10 Punkte

Punch-Drunk Love [2002]

PUNCH-DRUNK LOVE


Das Beste an diesem Film ist wohl nicht Paul Thomas Andersons Händchen für seine außergewöhnliche Regiearbeit, nein, denn dazu erzählt dieser Film eine viel zu gewöhnliche Geschichte, eine Geschichte zwischen Mann und Frau, die sich ineinander verlieben. Nein, die größte Leistung, die hier vom Regisseur erbracht wurde, war es, Adam Sandler so zu präsentieren, dass man ihm (fast) seine gesamte Filmographie und zahlreichen Fehltritte verzeihen möchte. 

Ich konnte Adam Sandler noch nie leiden und finde seinen stumpfen Humor einfach schrecklich, aber was er in diesem Film zeigt, wird jeden noch so eingefleischten Hater sofort überzeugen. Sandler füllt die Rolle des liebenswerten und trotteligen Barry Egan sehr überzeugend aus, sodass man sofort Sympathien für diesen Menschen gewinnt. Dass er von Sandler gespielt wird, vergaß ich meistens, weil ich so von seiner Leistung begeistert war. Kein saublöder Schenkelklopfer, nichts, nur eine ruhige Darstellung eines Losers, der von Philip Seymour Hoffman erpresst wird und sich in die schöne Emily Watson verliebt. 

"Punch-Drunk Love" ist ein Liebesfilm, aber zum Glück keiner, der mit peinlichen Dates und heißen Sexszenen aufwarten kann. Ja, zum Glück, denn das hätte den Film nur ruiniert. Man sieht, wie sich beide langsam näher kommen, Barry eher zögerlich und unbestimmt, Lena entschlossen, aber zurückhaltend. Aber als die beiden schließlich zueinanderfinden und Barry plötzlich die Kraft bekommt, sich gegen seine Peiniger zu wehren, sitzt man irgendwie mit Tränen in den Augen da, angesichts der süßen Liebesgeschichte und Adam Sandlers überzeugende Darstellung.

Der Film besitzt eigentlich noch einen zweiten Handlungsstrang, nämlich dass er bei einer Sexhotline anruft und die Prostituierte zusätzliches Geld für ihre Miete von ihm verlangt. Als dieser nicht einwilligt, wird er von vier Schlägertypen, geschickt von Philip Seymour Hoffman, drangsaliert, gegen die er sich schließlich dank der Kraft der Liebe wehren kann. Allerdings fand ich diesen Teil der Handlung ziemlich überflüssig, ein reiner Liebesfilm wäre schöner gewesen.
 
7 / 10 Punkte