Freitag, 6. November 2015

Die Unbezwingbaren [1963]



"My name is Elia Kazan. I am a Greek by blood, a Turk by birth and I am an American because my uncle made a journey." So beginnt Elia Kazans dreistündiges Epos über die Geschichte seines Onkels und gewissermaßen die Geschichte über ihn selbst. Der Film basiert auf einen Roman, den er selbst veröffentlicht hatte - man kann sagen, dass "America America" Kazan am Herzen lag und er einen Traum auf Film gebannt hatte. 

Stavros Topouzoglou ist ein junger Mann, der als Teil der griechischen Minderheit in Anatolien lebt, das unter türkischer Herrschaft besteht. Schon zu Beginn des Films wird Stavros in Unruhen zwischen den Türken und Armeniern hineingezogen, die schließlich zum Genozid des armenischen Volkes führen sollten. Seine Familie beschließt, Stavros als den ältesten Sohn zu einem entfernten Verwandten zu schicken und geben ihm sämtliche kostbaren Güter mit, die sie entbehren können. Doch aufgrund von Stavros' Naivität wird er ausgeraubt und landet mit nichts als seiner Kleidung in Konstantinopel. Von nun an verfolgt er nur ein Ziel: Nach Amerika zu gehen. 

Dass "America America" mit knapp 180 Minuten ein ellenlanges Epos zu werden drohte, konnte mich im Vorhinein nicht abschrecken. Schließlich führte Elia Kazan Regie, der Mann, der uns auch "Die Faust im Nacken" und "Jenseits von Eden" (zwei meiner absoluten Lieblinge) geschenkt hat. Doch es dauerte nicht lange, bis die Vorfreude ins Gegenteil verkehrte. Schon zu Beginn wurde mir klar: Ein Vergnügen wird das nicht. "America America" ist realistisch und möchte die Konflikte zwischen den Völkern darstellen, weshalb es gleich am Anfang viel Leid gibt. Doch auch die Einführung von Hauptfigur Stavros wird nicht besser: Sein Wunsch, nach Amerika zu gehen, und die Unerschütterlichkeit, mit der er das Ziel verfolgt, scheint das einzig Positive an seinem Charakter zu sein. Ansonsten bleibt er erschreckend blass, unhöflich und redet ab der Hälfte fast gar nichts mehr, sondern blickt nur böse umher. Es fiel mir schwer, sich mit dieser Figur zu identifizieren, und irgendwann hab ich es aufgegeben und nur mehr auf das Ende gewartet. Das ist natürlich sehr schade, da ich Kazan sehr schätze, aber "America America" ist einfach nur ein ewig langes und prätentiöses Stück Film.

Queen of Earth [2015]



Catherine und Virginia beschließen, ihre Freundschaft bei einem Sommeraufenthalt in einem Ferienhaus von Virginias Eltern wieder aufleben zu lassen. Doch es dauert nicht lange, bis man merkt, dass dies kein entspannter Urlaub für die beiden wird. Virginia fällt es zunehmend schwerer, Catherine in ein unverfängliches Gespräch zu verwickeln, da ständig Konfliktthemen wie Catherines Vater oder ihr Exfreund angeschnitten werden. Schon bald muss Virginia feststellen, dass Catherine sich mehr und mehr dem Wahnsinn hingibt...

"Queen of Earth" war ein richtiger Brocken. Den ganzen Film lang herrscht diese angespannte Atmosphäre, die es unmöglich macht, sich zu entspannen - wozu auch die unheilvolle Musik beiträgt, sodass man ständig etwas Schreckliches erwartet. Elisabeth Moss verkörpert Catherine und damit eine fragile, psychisch kranke Person, deren Wahnsinn erst im Lauf des Films zum Vorschein kommt. Das Schlimme ist, dass sich der Film die ganze Zeit an ihre Person hält, wodurch dem Zuschauer praktisch nie eine Atempause gegönnt ist. Entweder sie liegt mit starrem Blick in ihrem Bett, führt Telefongespräche, ohne jemanden in der Leitung zu haben, oder beobachtet feindselig ihre (eigentlich) beste Freundin Virginia. Diese lädt ihren Liebhaber in das Ferienhaus ein, um nicht mit Catherine alleine sein zu müssen, was diese zunehmend zur Weißglut treibt. Bei ihr kann man im Verlauf des Films sehr schön den Verfall ihrer psychischen Gesundheit sehen, was bei einer Party, bei der Catherine Halluzinationen bekommt und in Panik ausbricht, ihren Höhepunkt erfährt. 

Fazit: Eine extreme Erfahrung, die dem Zuschauer eine Menge Nerven abverlangt. Doch im Gegenzug wird man von Elisabeth Moss mit ihrer fantastischen Leistung entlohnt. Ein sehr starkes Kammerspiel zwischen zwei Frauen, das ich uneingeschränkt weiter empfehlen kann.

The Treasure [2015]



"Comoara" aka "The Treasure", wie er außerhalb von Rumänien genannt wird, hat mich allein wegen der Inhaltsbeschreibung dazu veranlasst, ihn auf der Viennale zu sichten. Zwei Freunde suchen nach einem verschollenen Schatz? Klingt doch super! Costi führt ein einfaches, friedliches Leben in Bukarest mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn. Als ihn sein Nachbar Adrian um Geld bittet, erzählt ihm dieser von einem verschollenen Schatz, den Adrians Großvater anscheinend vor den Kommunisten versteckt hat. Costi beschließt, seine Ersparnisse in das wahnwitzige Vorhaben einer Schatzsuche zu investieren. 

"The Treasure" ist ein sehr ruhiger Film, der von allen von Laiendarstellern getragen wird, was aber aufgrund der einfach gehaltenen Story kein Problem darstellt. Den Hauptteil des Films nimmt die Schatzsuche ein, die vor allem durch ihren trockenen Humor lebt. Das ständige Piepsen des Metalldetektors brachte das Publikum ständig zum Lachen; dazu kommen die technischen Gebrechen der Detektoren, die Sticheleien zwischen Adrian und dem Arbeiter und die zahlreichen Etablissements, die Adrians geerbtes Grundstück, auf dem die Schatzsuche durchgeführt wird, im Laufe der Jahrzehnte beherbergt hatte. Die Suche zahlt sich letztendlich doch aus, und es werden Benz-Aktien aus den 60ern ausgegraben. Mit seinem Anteil kauft sich Costi eine Ladung Schmuck, die er stolz seinem Sohn als richtigen Schatz vorzeigen kann. Beim Umrechnen unterläuft Costi und Adrian ein Fehler, der jedoch im Film weiter nicht thematisiert wird. Die Frage, ob Costi nun ein steinreicher Mann ist oder sich nach dem Kauf der Klunker hoch verschuldet hat, wird nicht geklärt, was ich sehr schade finde. 

Fazit: Es passiert nicht viel, aber trotzdem hat mir "The Treasure" sehr gut gefallen. 

Carol [2014]



Als Carol zum ersten Mal in Thereses Leben tritt, wirkt die junge Frau ob der eindrucksvollen Erscheinung Carols eingeschüchtert. Carol ist eine elegante, wohlhabende Frau, die mit jeder Pore Eleganz und Selbstsicherheit ausstrahlt, während Therese dagegen farblos wirkt. Trotzdem fühlen sich die beiden Frauen zueinander hingezogen - zu der denkbar schlechtesten Zeit, denn Carol und ihr Mann Harge lassen sich gerade aufgrund Carols homosexuellen Beziehungen scheiden. Harge droht Carol nämlich damit, ihr ihre gemeinsame Tochter zu nehmen und jeden Kontakt zu unterbinden, was die liebende Mutter nicht zulassen kann. 

Was soll ich sagen: "Carol" sieht einfach fantastisch aus. Die Geschichte ist in den 50ern angesiedelt und die Szenenbildner haben sich selbst übertroffen. Im Kaufhaus, wo Therese anfangs arbeitet, kann man verschiedenstes Spielzeug bewundern, die Kleidung ist formvollendet elegant, die Autos sind einem Autokatalog der 50er Jahre entsprungen. Cate Blanchett beherrscht den ganzen Film. Egal was sie macht, mit jeder Gestik und jedem Blick strahlt sie eine Aura aus, mit der sie nicht nur Therese den Kopf verdreht hätte. Rooney Mara spielt die junge Therese, die im Laufe des Films Entwicklungen durchläuft und am Ende reifer ist als am Anfang. Natürlich kann man sie nicht mit Blanchett vergleichen, aber die beiden ergänzen sich großartig. 

Also eigentlich ist alles perfekt: Die Schauspieler, das Szenenbild, die Musik. Leider habe ich einen großen Kritikpunkt: Mir fehlt der Drive an der Geschichte. Ich habe von einer Milieustudie der 50er Jahre zwar keine Spannung erwartet, aber leider ließ die Geschichte richtige Gefühle vermissen, die (in meinen Augen) leider nicht transportiert wurden. Auch die Liebesszenen gingen recht steril vonstatten. Besonders gefiel mir der Anfang, der mich an "Brief Encounter" erinnerte, indem man am Anfang und am Ende dieselbe Szene sieht und man erst am Schluss die Gefühle der Beteiligten kennt. 

Fazit: Viele fanden "Carol" sehr gefühlvoll und wunderschön, für mich persönlich wurden die Gefühle leider nicht gut rübergebracht. Der Rest ist jedoch wunderschön anzuschauen und dürfte einige Oscarnominierungen kassieren (Bestes Bühnenbild, Beste Regie und Beste Hauptdarstellerin).

Sonntag, 25. Oktober 2015

Eine ganz normale Familie [1980]



Das Regiedebüt von Robert Redford wurde bei der Oscarverleihung 1981 mit vier Academy Awards ausgezeichnet, darunter in wichtigen Kategorien wie Bester Film, Beste Regie und Bester Nebendarsteller. Ob der Film in den 35 Jahren, die seitdem vergangen sind, gut oder schlecht gealtert ist, muss jeder für sich entscheiden. Ich jedenfalls war begeistert von Timothy Huttons Darstellung eines depressiven Teenagers, der seit dem Tod seines großen Bruders mit posttraumatischen Belastungsstörungen zu kämpfen hat. 

Nach außen hin sind die Jarretts eine weitere Familie in der Oberschicht Amerikas, die in einer Villa lebt und gerne mit Freunden Golf spielt - jedoch brodelt es hinter der Fassade gewaltig. Zu Beginn des Films wurde Conrad gerade nach einem Selbstmordversuch aus einer psychiatrischen Klinik entlassen und muss sein Leben vor dem Unfall weiterzuführen. Während sich sein Vater ständig um ihn sorgt und ihm helfen möchte, kann die Mutter keine Verbindung zu dem überlebenden jüngeren Sohn aufbauen, den sie aus Liebe zum älteren Bruder immer vernachlässigt hatte. Jede Annäherung der beiden endet im Streit, der Vater versucht erfolglos, zu vermitteln.

Die Handlung mag heutzutage etwas altbacken wirken und Robert Redford erzählt seine Geschichte mit etwas zu viel Kitsch, der das Filmerlebnis etwas trübt. Doch Timothy Huttons frische und jugendliche Darstellung eines gebeutelten Teenagers (die übrigens, wie oben erwähnt, mit einem Oscar belohnt wurde) bringt dem Film das Prädikat "Sehenswert" ein. Nicht unerwähnt bleiben dürfen Donald Sutherland als verständnisvolles Familienoberhaupt und Mary Tyler Moore als scheinbar gefühlskalte Mutter, die den Schein der "ganz normalen Familie" aufrecht erhalten möchte.